Das osmanische Heerwesen






Zur Zeit der Reichsgründung unter Sultan Osman Gazi (13. bis 14. Jahrhundert) gab es reine Reiterheere, jedoch keine Infanterie und Artillerie. Diese Kampfeinheiten bestanden aus türkischen Lehnsreitern, den Sipahi und den Streifscharen, den Akinci , die anfangs aus Angehörigen halbnomadischer Stämme und später auch aus konvertierten Christen zusammengesetzt waren .

Seit der Regierungszeit Sultan Orhan Gazis (1326 - 1359) hatte die Familie Mihaloglu das Erbrecht für das Oberkommando über die Akinci. Diese Reitereien lebten von Raubzügen und Sklavenhandel, weshalb sie in Europa als "Renner und Brenner" gefürchtet waren. Die Akinci hatten in Kriegs- sowie in Friedenszeiten zahlreiche Aufgaben zu erfüllen. Wenn der Sultan einen großen Feldzug unternahm, bildeten die Akinci die Vorhut, ritten weit voraus und verwüsteten das Feindesland. Sie waren immer im Grenzgebiet stationiert und unternahmen Streifzüge, um die Bevölkerung zu verunsichern, ihre Besitztümer zu brandschatzen und sie selbst zu töten. Durch ihre Einfälle sollten die Akinci auch die Mobilität und Kampfbereitschaft des feindlichen Heeres prüfen. Meist entkamen die türkischen Reiter, nur mit Säbel, Pfeil und Bogen bewaffnet, noch bevor geeignete Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten.

Die Reitertruppe der Akinci wurde im Jahre 1595, da sie unter der schlechten Führung des Großwesir Sinan Pasa im Kampf gegen die Österreicher stark dezimiert wurde und sich dann nicht mehr erholen konnte, aufgelöst. Später bestand die leichte Kavallerie der Osmanen aus der wenig erfolgreichen Reitertruppe der Deli und den Tataren.
 
 

Das osmanische Heer war in drei Gruppen gegliedert:

 

Die Janitscharen:

Die legendäre Truppe der Janitscharen (Yeni Ceri = neue Truppe), ein Teil des stehenden Heeres, wurde im Jahre 1362 unter Sultan Murad I (1360-1389) gegründet, als man für die Eroberungen in Europa eine organisierte Streitmacht benötigte. Man rekrutierte die Angehörigen dieser Einheit aus jungen Kriegsgefangenen, die in Anatolien zu Lehnsherren geschickt wurden um dort Religion, Sprache und Sitten zu erlernen. Dann wurden sie in einer militärischen Schule für den Dienst im Palast und im Heer ausgebildet. Später mussten christliche Knaben aus den Balkanländern zur Ergänzung herbeiholte werden. Diese Knabenlese nannte man "Devsirme". Die 10-15 jährigen wurden von anatolischen Familien im Sinne der islmanischen Lebensführung erzogen und kamen dann in Gelibolu in die Janitscharenschule, wo sie bis zum 18 Lebensjahr ausgebildet wurden. So erzog man eine Soldateneinheit, die dem Sultan als einzigen Herren bedingungslos ergeben war.

Die Janitscharen waren eine Infanterietruppe, die in Kasernen wohnte. Den Soldaten war es verboten einen anderen Beruf auszuüben und zu heiraten. Durch die eiserne Disziplin und harte Ausbildung, die sie genossen hatten, waren die Janitscharen ihren Gegnern am Schlachtfeld überlegen. Anfangs bestand ihre Ausrüstung aus einem kurzen Säbel, einem Dolchmesser, einer Streitaxt und später auch aus einer Pistole oder einer Luntenmuskete.

Die kleinste Einheit im Janitscharenkorps war ein "Oda", bestehend aus 10 Mann, einem Zelt, einem Packpferd und einem Kochkessel. 10-12 "Odas" bildeten eine Kompanie. Während einer Belagerung waren die Janitscharen rund um das Zelt des Sultan postiert und die besten Krieger gehörten zur persönlichen Leibgarde des Herrschers.

Ab dem Ende des 16.Jahrhunderts durften die Janitscharen heiraten, einem Handwerk nachgehen und in eigenen Häusern wohnen. Die Knabenlese wurde nicht mehr durchgeführt und die Söhne von Janitscharen waren im Korps zugelassen. All dies führte zu einem Verfall der Truppendisziplin und der Kampfmoral. Während des 18. Jahrhunderts gab es zahlreiche Janitscharenaufstände, da die Sultane den Forderungen nach mehr Macht und Einfluss der ehemaligen Elitetruppe nicht nachkommen wollten. Zeitweise kam es dazu, dass die Janitscharen Herrscher stürzten und einen neuen Sultan einsetzten. Bei einer Janitscharenrevolte im Jahre 1826 ließ Sultan Mahmud II alle Angehörigen des Korps liquidieren. Zur Zeit der Gründung der Kampftruppe im Jahre 1362 gab es nur ca. 1.000 Janitscharen während es zur Zeit Sultan Mahmud II bereits 140.000 waren. Durch das Auslöschen des Janitscharenkorps wurde die ehemals tragende Säule des Reiches zum Einsturz gebracht und der Untergang des Imperiums beschleunigt.
 
 

Die Sipahi:

Die Sipahi waren die gepanzerte Kavallerie der Osmanen. Die Reiter wurden aus dem Janitscharenkorps ausgewählt und erhielten für ihre Verdienste im Schlachtfeld vom Sultan Lehnsgüter in den eroberten Gebieten. Somit wurden sie Grundbesitzer, die im Kriegsfalle zum Kampf verpflichtet waren. Die Sipahi waren ausgebildet zu Ross im Galopp mit der Lanze anzugreifen und dann den Kampf Mann gegen Mann mit dem Säbel zu führen. Die Streitkräfte der Sipahi wurden in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts gegründet und hatten im 16. Jahrhundert 300 Einheiten zu je ca. 30 Mann, wobei die ersten 6 Schwadronen für die Sicherheit des Sultans sorgten.
 
 

Die Artillerie:

Die türkische Artillerie wurde erstmals bei der Schlacht am Amselfeld (1389) unter Sultan Yildirim Bayazid I eingesetzt. Man erkannte den kriegerischen Nutzen dieser neuen Waffengattung rasch und kaufte die Kanonen anfangs im Ausland ein. Bald wurden die Geschütze auch von den Osmanen, unter Anleitung europäischer Kanonenbauer, selbst hergestellt. Bei der Belagerung von Konstantinopel (1453) wurden die ersten Riesenkanonen (8m Länge) durch den ungarischen Geschützgießer Urban hergestellt. Die türkischen Mörser und Kanonen waren sehr wirksam bei Belagerungen und auch bei Feldschlachten. Bei den beiden Wiener Belagerungen konnten wegen der schlechten Witterung nur kleine und mittlere Geschützkaliber mitgeführt werden, was den geringen Erfolg der Artillerie erklärt. Die schweren aus Bronze - Eisen Legierungen gegossenen Kanonen wurden durch eine eigene Kanonen - Beförderungseinheit an den Ort der Kampfhandlungen gebracht. Diese Einheit musste sich auch um die Herstellung der Kanonenkugeln und um den Schießpulvervorrat kümmern. Gelegentlich wurden auch Kanonengießereien vor dem Belagerungsort eingerichtet.

Bei jedem Feldzug waren die Waffenschmiede für die Instandhaltung von Rüstungen und Waffen verantwortlich.

Wenn bei einer Belagerung die Artillerie keinen Erfolg hatte, war es die Aufgabe der Mineure Tunnels unter die Stadtmauern zu graben, Sprengladungen darin anzubringen und sie zur Explosion zu bringen. Diese Taktik der Kriegführung kam bei den Wiener Belagerungen zu tragen. So schlug man meist große Breschen in die Verteidigungsanlagen der Gegner.

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert war die osmanische Artillerie ihren Gegnern meist überlegen. Allerdings waren die Europäer im 17. und 18. Jahrhundert, nicht zuletzt durch die im 30 jährigen Krieg gesammelte Erfahrung, den Türken voraus. Folglich mussten die Osmanen moderne Geschütze aus Europa kaufen und Fachleute anstellen, um diese bedienen zu können. Trotz der Erneuerungen gelang es nicht den militärtechnischen Rückstand im gesamten Heerwesen aufzuholen.